Visionboard erstellen: So wird es mehr als eine schöne Collage
Eine Anleitung fürs neue Jahr, mit einem kleinen Zusatz auf der Rückseite, der laut Forschung den Unterschied macht.
KI-generiertes BildWer auf Pinterest nach Visionboards sucht, sieht meistens dasselbe. Ein Strand bei Sonnenuntergang. Ein weißes Haus mit Pool. Jemand beim Yoga auf einer Klippe. Ein Stapel Geldscheine. Dazwischen Sprüche in geschwungener Schrift.
Das sieht schön aus. Und es ist ganz bestimmt ein netter Nachmittag, so etwas zu basteln.
Das Problem kommt ein paar Wochen später. Das Board hängt im Flur oder über dem Schreibtisch, und man sieht es irgendwann einfach nicht mehr. Es wird zu Tapete. Im Alltag hat sich nichts verändert, außer dass eine Pinnwand weniger frei ist.
Dazu kommt etwas, das in den meisten Anleitungen fehlt: Es gibt ziemlich gute Forschung dazu, was passiert, wenn man sich eine schöne Zukunft nur ausmalt. Und das Ergebnis ist nicht ganz so, wie man es sich wünschen würde.
Heißt das, Visionboards sind Unsinn? Nein. Aber sie funktionieren besser, wenn man sie ein bisschen anders baut. Wie das geht, steht in diesem Artikel. Mit einer Variante für die ganze Familie.
Was die Forschung über Tagträume sagt
Die Psychologin Gabriele Oettingen hat sich über Jahre damit beschäftigt, wie Gedanken an die Zukunft unser Handeln beeinflussen. In einer bekannten Studienreihe unterschied sie zwei Dinge: Erwartungen, also die Einschätzung, wie wahrscheinlich etwas klappt, und Fantasien, also schöne Bilder davon, wie es sein wird, wenn es geklappt hat.
Das Ergebnis: Wer positive Erwartungen hatte, also davon ausging, dass etwas wahrscheinlich klappt, strengte sich mehr an und war erfolgreicher. Bei Menschen, die sich vor allem positive Fantasien ausmalten, war es umgekehrt. Das galt für Jobsuchende genauso wie für Studierende vor einer Prüfung oder Patientinnen und Patienten nach einer Hüftoperation (Oettingen & Mayer, 2002).
Eine mögliche Erklärung: Das schöne Bild fühlt sich schon ein bisschen so an, als wäre man angekommen. Dann fehlt der Druck, tatsächlich etwas zu tun.
Die gute Seite dieser Forschung: Oettingen hat auch eine Gegenstrategie entwickelt. Man stellt sich das Ziel vor, denkt dann bewusst an das größte Hindernis auf dem Weg dorthin und legt fest, was man tut, wenn dieses Hindernis auftaucht. Eine Auswertung von 21 Studien kam zu dem Ergebnis, dass diese Kombination hilft, Ziele zu erreichen (Wang, Wang & Gai, 2021). Der Effekt war klein bis mittel, und die Autorinnen und Autoren weisen selbst darauf hin, dass er in Wirklichkeit etwas kleiner sein könnte. Ein Wundermittel ist es also nicht. Aber mehr als nichts.
Für das Visionboard heißt das ganz praktisch: Die Bilder bleiben. Sie bekommen nur eine Rückseite.
Visionboard oder Moodboard?
Die beiden werden oft verwechselt. Ein Visionboard zeigt, wohin du willst. Ziele, Wünsche, Dinge, die im neuen Jahr passieren sollen. Ein Moodboard sammelt eher eine Stimmung, meistens für ein konkretes Projekt. Wie soll das Wohnzimmer wirken? Welche Farben passen ins Kinderzimmer?
Wenn du eher einen Raum umgestalten willst, bist du bei Moodboard erstellen richtig. Hier geht es um das Jahr.
Was du brauchst
Für ein Board an der Wand reicht eine Pinnwand* aus Kork oder ein Magnetboard*. Ein Magnetboard hat den Vorteil, dass sich Bilder ohne Nadeln austauschen lassen. Das ist praktisch, wenn Kinder mitbasteln.
Außerdem: Schere, Kleber oder Washi-Tape*, ein paar alte Zeitschriften, Ausdrucke oder eigene Fotos. Und kleine Karten oder Zettel für die Rückseiten. Dazu gleich mehr.
Wer lieber digital arbeitet, kann das Board auch als Pinterest-Pinnwand oder als Collage am Handy anlegen und als Hintergrundbild speichern. Das hat einen Vorteil: Man sieht es jeden Tag, ohne es aufhängen zu müssen. Der Nachteil ist, dass man die Rückseiten dann separat aufschreiben muss, zum Beispiel in der Notizen-App.
Plan für das Ganze ungefähr zwei Stunden ein. Mit Kindern eher einen ganzen Nachmittag.
KI-generiertes BildDrei oder vier Bereiche auswählen
Ein Visionboard mit zwölf Themen wird unübersichtlich. Dann hängt da alles gleichzeitig, und nichts davon fällt auf.
Such dir drei oder vier Bereiche aus, in denen sich im nächsten Jahr wirklich etwas tun soll. Zum Beispiel:
- Familie und Zuhause
- Zeit für dich
- Arbeit
- Freundschaften
- Gesundheit und Bewegung
- Ein Projekt, das schon lange auf der Liste steht
Wenn du dir unsicher bist, welche Bereiche es sein sollen, hilft ein Blick zurück. Die 10 Journaling-Fragen für den Jahreswechsel oder eine ausführlichere Jahresreflexion zeigen meistens ziemlich deutlich, wo es im letzten Jahr gefehlt hat.
Bilder aus deinem echten Leben finden
Hier kommt der erste Unterschied zu den typischen Pinterest-Boards. Such Bilder, die nach deinem Alltag aussehen. Nicht nach einem Katalog.
Statt einer Villa am Meer vielleicht ein aufgeräumter Frühstückstisch, weil dir das morgendliche Chaos gerade am meisten fehlt. Statt einer Yoga-Klippe ein Paar Laufschuhe im Flur. Statt eines Stapels Geld ein leerer Samstag im Kalender.
Das ist weniger glamourös. Dafür erkennst du dich in diesen Bildern wieder, und genau das macht sie im Alltag nützlich.
Eigene Fotos funktionieren oft am besten. Ein Bild vom letzten gemeinsamen Ausflug, wenn es im neuen Jahr mehr davon geben soll. Ein Foto von der Freundin, die du öfter sehen willst. Ein Screenshot vom Kurs, für den du dich anmelden möchtest.
Wer bei Pinterest sucht, findet mit konkreten Begriffen meistens bessere Bilder als mit „Visionboard Inspiration“. Also eher „Frühstückstisch Familie“, „Waldspaziergang Herbst“ oder „Leseecke gemütlich“. Die Ergebnisse sehen dann weniger nach Werbung aus und mehr nach etwas, das man tatsächlich erleben kann.
Pro Bereich reichen zwei oder drei Bilder. Insgesamt also vielleicht acht bis zwölf. Wenn es mehr werden, lieber aussortieren.
Jedem Bereich eine Rückseite geben
Jetzt kommt der Teil, der das Board von einer Collage unterscheidet. Zu jedem Bereich schreibst du eine kleine Karte. Die kommt entweder auf die Rückseite des Bildes, direkt daneben oder in einen Umschlag unten am Board.
Auf der Karte stehen drei Dinge:
Der mittlere Punkt ist der wichtigste. Und der unangenehmste. Die meisten Menschen wissen ziemlich genau, woran ein Vorhaben scheitern wird, sprechen es aber nicht aus. Auf der Karte muss es stehen.
Das dritte Feld sollte so konkret sein, dass du es in der Situation einfach abrufen kannst. „Mehr auf mich achten“ hilft nicht, wenn die Nachricht mit der Einladung reinkommt. Ein fertiger Satz schon.
Die Methode hat übrigens auch einen Namen, bei Oettingen heißt sie WOOP. Das steht für Wish, Outcome, Obstacle, Plan, also Wunsch, bestes Ergebnis, Hindernis und Plan. Das beste Ergebnis ist auf dem Visionboard das Bild vorne. Die anderen drei stehen auf der Karte. Falls du tiefer einsteigen willst, findest du unter dem Begriff viel Material.
Wenn du beim Schreiben der Rückseiten merkst, dass hinter einem Hindernis mehr steckt als eine Kleinigkeit: Im Workbook findest du 15 Schreibimpulse, mit denen du solche Gedanken sortieren kannst.
Workbook für 0 € holenAufhängen und einen Termin dazu eintragen
Das Board gehört an einen Ort, an dem du täglich vorbeikommst, aber nicht nur im Vorbeigehen. Neben dem Schreibtisch funktioniert oft besser als im Flur, weil man dort länger steht oder sitzt.
Wichtiger als der Ort ist aber ein fester Termin. Einmal im Monat, zum Beispiel am ersten Sonntag, schaust du dir das Board bewusst an. Vor allem die Rückseiten, die Bilder kennst du ja. Hat der Plan funktioniert? Ist das Hindernis noch dasselbe? Muss die Karte neu geschrieben werden?
Wer das leicht vergisst, trägt sich den Termin als Serientermin im Handy ein. Einmal im Monat, zehn Minuten, mit dem Titel „Board anschauen“. Klingt banal, hilft aber.
Das verhindert ziemlich zuverlässig, dass das Board zur Tapete wird.
Bilder, die nicht mehr passen, kommen runter. Ein Visionboard im Oktober muss nicht mehr genauso aussehen wie im Januar.
So kann ein Board für ein ganz normales Jahr aussehen
Damit das Ganze weniger abstrakt bleibt, hier ein Beispiel. Vier Bereiche, jeweils ein Bild und eine Karte. Nichts davon ist spektakulär, und genau deshalb hat es eine Chance.
Zeit für mich
Familie
Bewegung
Freundschaften
Wenn du solche Karten liest, siehst du auch, warum die Pläne so konkret sind. „Mehr Sport“ lässt sich an einem müden Dienstag leicht verschieben. „Nach der Kita zu Fuß zurück“ ist eine klare Entscheidung, die in dem Moment schon getroffen ist.
Das Familien-Visionboard
Ein Visionboard muss keine Einzelaufgabe sein. Gerade mit Kindern kann es richtig Spaß machen, eins für die ganze Familie zu gestalten.
So kann das laufen: Jede Person bringt ein oder zwei Bilder mit. Die Kinder können auch malen statt ausschneiden. Die Frage dazu ist einfach: Worauf freust du dich in diesem Jahr? Oder: Was wollen wir öfter zusammen machen?
Die Antworten sind oft überraschend. Erwachsene denken an den großen Sommerurlaub, Kinder an Pfannkuchen am Sonntag oder daran, dass Mama oder Papa öfter mit auf den Spielplatz kommen. Beides gehört aufs Board.
Für die Erwachsenen im Haushalt kann das Familien-Board auch ein guter Anlass sein, über Dinge zu reden, die sonst untergehen. Wenn beide ein Bild für „mehr Zeit zu zweit“ aufhängen, ist die nächste Frage ziemlich naheliegend: Wann genau, und wer kümmert sich um den Babysitter?
Die Rückseiten funktionieren auch hier, nur einfacher. Statt Hindernis und Plan reicht bei jüngeren Kindern eine Frage: Was können wir dafür tun? Wenn die Antwort „jeden Sonntag Pfannkuchen machen“ lautet, steht das eben so drauf.
Das Familien-Board hängt am besten da, wo alle es sehen. Im Flur, in der Küche, am Kühlschrank. Und der monatliche Blick darauf passt gut in ein kurzes Familien-Meeting.
Das Visionboard digital anlegen
Nicht jede Wohnung hat Platz für eine Pinnwand. Und nicht jede hat Lust auf Schere und Kleber. Ein digitales Board ist dann eine gute Alternative, vor allem, wenn du dein Handy sowieso öfter in der Hand hast als du an deinem Schreibtisch vorbeigehst.
So kann das aussehen:
- Bilder sammeln. Leg bei Pinterest eine geheime Pinnwand an und speicher dort alles, was dich anspricht. Oder mach auf dem Handy einen eigenen Fotoordner. Eigene Fotos aus der Galerie gehören genauso dazu.
- Aussortieren. Nach ein paar Tagen gehst du die Sammlung durch und behältst acht bis zwölf Bilder. Das ist der Schritt, der digital gern vergessen wird, weil Speicherplatz nichts kostet. Ein Board mit 60 Pins ist aber genauso unübersichtlich wie eine vollgeklebte Pinnwand.
- Collage bauen. Die ausgewählten Bilder kommen in eine Collage. Das geht mit Canva, dort reicht die Basisversion, mit vielen Fotoapps oder ganz schlicht mit einer Collage-Funktion in der Handygalerie. Hochformat, damit es später als Sperrbildschirm passt.
- Rückseiten schreiben. Die Karten mit Wunsch, Hindernis und Plan kommen in eine Notiz auf dem Handy. Am besten eine eigene Notiz pro Bereich, damit du sie beim monatlichen Blick schnell findest.
- Als Sperrbildschirm einstellen. Das ist der eigentliche Vorteil der digitalen Variante. Du siehst das Board jedes Mal, wenn du aufs Handy schaust. Wer das zu viel findet, nimmt es als Hintergrund auf dem Startbildschirm oder am Laptop.
Der monatliche Termin bleibt auch digital wichtig. Sonst wird das Hintergrundbild genauso schnell unsichtbar wie eine Pinnwand im Flur. Wenn du dabei merkst, dass ein Bild nicht mehr passt, tauschst du es einfach aus. Das geht digital sogar deutlich schneller.
Was, wenn nach drei Monaten nichts passiert ist?
Kommt vor. Der freie Samstag ist doch wieder verplant, die Laufschuhe stehen unbenutzt im Flur, und das Board hängt da wie ein kleiner Vorwurf.
Dann lohnt sich ein Blick auf die Karten, nicht auf die Bilder. Meistens liegt es an einem von zwei Dingen. Entweder war das Hindernis ein anderes als gedacht. Man dachte, es fehlt die Energie, dabei fehlt eigentlich die Kinderbetreuung. Oder der Plan war noch zu allgemein und hat in der konkreten Situation nicht gegriffen.
Beides lässt sich ändern. Karte neu schreiben, Plan anpassen, nächsten Monat wieder draufschauen. Dafür gibt es ja den monatlichen Termin.
Und manchmal zeigt sich auch, dass ein Wunsch gar nicht mehr so wichtig ist. Dann kommt er runter.
Woran Visionboards oft scheitern
Zu viel auf einmal. Wenn das Board voll ist, fällt kein einzelnes Bild mehr auf. Acht bis zwölf Bilder reichen für ein ganzes Jahr.
Nur Ergebnisse, keine Wege. Der Traumurlaub, die fertige Renovierung, das volle Konto. Ohne Rückseite bleibt es beim schönen Bild, und genau davor warnt die Forschung.
Das Board wird nie angepasst. Im März hat sich schon einiges verschoben. Ein Board, das nicht mitwächst, passt irgendwann nicht mehr zum eigenen Leben.
Der Vergleich mit Pinterest. Die Boards, die dort gezeigt werden, sind für Fotos gemacht. Deins ist für deinen Flur. Es darf schief kleben, einen Kaffeefleck haben und von einem Fünfjährigen mitgestaltet sein.
Gedanken-Reset
Die Rückseiten des Boards sind eigentlich schon Journaling. Wenn du das regelmäßiger machen willst, ist Gedanken-Reset von PlanItHappy ein guter Rahmen: ein geführter 7-Tage-Einstieg, Prompt Cards und eine 30-Tage-Journaling-Challenge, dazu kurze Übungen für die Momente, in denen sich die Gedanken im Kreis drehen.
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Häufige Fragen
Wie erstelle ich ein Visionboard?
Such dir drei oder vier Lebensbereiche aus, finde pro Bereich zwei oder drei Bilder aus deinem echten Alltag und schreib zu jedem Bereich eine Karte mit Wunsch, größtem Hindernis und einem konkreten Plan. Dann aufhängen und einmal im Monat anschauen.
Funktioniert ein Visionboard wirklich?
Ein Board mit schönen Bildern allein eher nicht. Studien zeigen sogar, dass reines Ausmalen einer schönen Zukunft die Anstrengung verringern kann. Wer die Bilder mit Hindernissen und konkreten Plänen verbindet, hat laut Forschung bessere Chancen.
Wann ist der beste Zeitpunkt für ein Visionboard?
Der Jahresanfang ist naheliegend. Genauso gut passt aber ein Geburtstag, der Schulstart oder einfach ein Moment, in dem du merkst, dass sich etwas ändern soll.
Wie groß sollte ein Visionboard sein?
Groß genug für acht bis zwölf Bilder und die Karten. Eine Pinnwand im Format 40 mal 60 Zentimeter reicht meistens. Für ein Familien-Board kann es etwas größer sein, damit jede Person ihren Platz hat.
Analog oder digital?
Beides geht. Ein Board an der Wand ist präsenter, ein digitales als Handy-Hintergrund siehst du öfter. Entscheidend ist weniger das Format als der monatliche Blick auf die Rückseiten.
Kann ich ein Visionboard mit Kindern machen?
Ja, sogar sehr gut. Jüngere Kinder malen oder kleben ein Bild zu der Frage, worauf sie sich im neuen Jahr freuen. Die Rückseite lautet dann einfach: Was können wir dafür tun?
Falls dir das ganze Board gerade zu viel ist: Nimm dir einen einzigen Bereich. Ein Bild, eine Karte mit Wunsch, Hindernis und Plan, und das Ganze mit einem Magneten an den Kühlschrank. Das ist auch ein Visionboard. Nur ein kleines.
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Oettingen, G. & Mayer, D. (2002): The Motivating Function of Thinking About the Future: Expectations Versus Fantasies. Journal of Personality and Social Psychology, 83(5), 1198-1212. doi.org/10.1037/0022-3514.83.5.1198
Wang, G., Wang, Y. & Gai, X. (2021): A Meta-Analysis of the Effects of Mental Contrasting With Implementation Intentions on Goal Attainment. Frontiers in Psychology, 12, 565202. doi.org/10.3389/fpsyg.2021.565202
Schreibt über Journaling, Familienorganisation und Pläne, die auch nach Februar noch an der Wand hängen.