Selbstfürsorge & Journaling

    Das November-Loch: Warum der dunkelste Monat sich am schwersten anfühlt

    Es liegt nicht nur am Wetter. Es liegt daran, dass nichts ansteht, auf das du dich freuen kannst.

    Das November-Loch, warum der dunkelste Monat sich schwer anfühlt
    KI-generiertes Bild

    Der Sommer ist lange vorbei, die Herbstfarben sind auch schon wieder weg, und Weihnachten fühlt sich trotz Lebkuchen im Supermarktregal noch unwirklich weit entfernt an. Der November ist der Monat, in dem einfach nichts los ist. Kein Feiertag, der auffällt, kein Ereignis, das den Kalender unterbricht, nur graue Wochen, die sich aneinanderreihen.

    Es ist kein Zufall, dass viele Menschen genau diesen Monat als den schwersten im Jahr empfinden. Und es liegt nicht nur am fehlenden Licht, dazu hatten wir in „Dein Kopf im Herbst-Modus“ schon einen eigenen Artikel. Es steckt noch etwas anderes dahinter, etwas, das mit Erwartung zu tun hat, nicht mit Helligkeit.

    Warum ausgerechnet Vorfreude so viel ausmacht

    Der US-Psychologe Amit Kumar hat in seiner Forschung gezeigt, dass die Vorfreude auf ein Erlebnis oft mehr zum Wohlbefinden beiträgt als das Erlebnis selbst im Nachhinein. Allein das Erwarten von etwas Schönem setzt im Gehirn Dopamin frei, den Botenstoff, der mit Belohnung und guter Stimmung verbunden ist. Der präfrontale Cortex, ein Bereich, der unter anderem für Planung und positive Erwartung zuständig ist, wird dabei nachweislich aktiver.

    Vereinfacht gesagt: Dein Gehirn zieht ein Stück vom Glücksgefühl eines Ereignisses schon in die Gegenwart, sobald du dich bewusst darauf freust. Das erklärt, warum die Wochen vor einem Urlaub sich oft genauso gut anfühlen wie der Urlaub selbst, manchmal sogar besser.

    Das erklärt auch, warum Kinder Weihnachten oft schon Wochen vorher als aufregend erleben, lange bevor der eigentliche Tag da ist. Der erwachsene Alltag verlernt dieses bewusste Vorfreuen oft, einfach weil zwischen Terminen, Aufgaben und Verpflichtungen wenig Raum dafür bleibt, sich aktiv auf etwas einzustimmen.

    Quelle

    Kumars Forschung zeigt außerdem, dass die Vorfreude auf Erlebnisse deutlich stärker wirkt als die Vorfreude auf materielle Dinge. Psychologisch bringt die Vorfreude auf ein gemeinsames Abendessen also mehr als die Vorfreude auf ein neues Gerät oder Kleidungsstück.

    Dieser Unterschied zwischen Erlebnis und Gegenstand lässt sich direkt nutzen. Statt sich auf ein neues Produkt zu freuen, das im November oft nur kurzfristig aufmuntert, wirkt die Vorfreude auf ein geplantes Treffen, ein gemeinsames Essen oder einen Ausflug spürbar länger nach. Der Unterschied liegt darin, dass ein Erlebnis meistens mit anderen Menschen verbunden ist, mit einer Geschichte, die man später noch erzählen kann, während ein Gegenstand nach kurzer Zeit einfach nur noch da ist.

    Der zweite wissenschaftliche Strang: Bewegung

    Neben fehlender Vorfreude spielt noch ein zweiter Faktor eine Rolle, der oft unterschätzt wird. Mehrere Studien zeigen, dass körperliche Aktivität die Ausschüttung von Dopamin sowie eines Wachstumsfaktors namens BDNF anregt, der eng mit Motivation, Antrieb und Stimmung verbunden ist. Bewegung wirkt dabei nicht nur auf den Körper, sondern direkt auf die Bereiche im Gehirn, die für Antriebslosigkeit und Interesse zuständig sind.

    Besonders wirksam ist die Kombination aus Bewegung und Tageslicht. Schon ein zwanzigminütiger Spaziergang am Tag kann den Hormonhaushalt spürbar stabilisieren, selbst an bewölkten Novembertagen ist das Licht draußen um ein Vielfaches heller als jede Innenbeleuchtung. Wer beides mit einem sozialen Element verbindet, etwa einem Spaziergang mit einer befreundeten Person, kombiniert gleich drei stimmungsrelevante Faktoren auf einmal: Bewegung, Licht und Verbindung zu anderen Menschen.

    Warum der November besonders betroffen ist

    Andere Monate haben eingebaute Anker. Der Dezember hat Weihnachten, der Januar zumindest den Neubeginn des Jahres, der Sommer die Ferien. Der November hat nichts davon. Genau diese Leere an Ereignissen bedeutet auch eine Leere an Vorfreude, und genau die fehlt dann im Kopf, ohne dass man sofort erkennt, warum.

    Selbst der Oktober hat noch etwas: Halloween, die Zeitumstellung als kleinen Einschnitt, vielleicht noch die letzten warmen Tage. Der November liegt genau in der Lücke dazwischen, zu spät für Herbstgefühle, zu früh für Weihnachtsstimmung. Diese Zwischenposition macht ihn psychologisch besonders anfällig für genau dieses Loch-Gefühl.

    Das ist keine Charakterschwäche und kein Zeichen, dass etwas nicht stimmt. Es ist eine logische Folge davon, dass ein Monat schlicht wenig zu bieten hat, worauf sich das Gehirn freuen kann, kombiniert mit weniger Licht und mehr Zeit drinnen.

    Ich merke das bei mir selbst jedes Jahr aufs Neue. Im November werde ich schlechter gelaunt, ungeduldiger, manchmal auch ungerechter gegenüber Menschen, die das gar nicht verdient haben, obwohl ich es in dem Moment selbst spüre und es trotzdem nicht immer ändern kann. Dazu kommt dieser eine Gedanke, der es nicht leichter macht: Das ist doch erst der Anfang, die dunkle Jahreszeit zieht sich noch so lange.

    Genau dieser Gedanke, dass die ganze dunkle Zeit wie ein einziger, undurchbrochener Tunnel vor einem liegt, macht vieles schwerer, als es sein müsste. Der ganze Winter auf einmal ist kaum zu greifen. Eine einzelne Woche schon eher.

    Was den November oft noch schwerer macht

    Ein häufiger Fehler: die schlechte Stimmung einfach aussitzen, in der Annahme, sie geht schon von allein vorbei. Das stimmt zwar auf lange Sicht, aber „aussitzen“ bedeutet meistens auch, dass nichts aktiv dagegen unternommen wird, obwohl schon Kleinigkeiten helfen würden.

    Ein zweiter Fehler: sich selbst für die schlechte Laune zu verurteilen, statt sie einzuordnen. Ungeduldig oder gereizt zu sein ist unangenehm, für einen selbst und für andere im Umfeld, aber es hilft niemandem, sich zusätzlich dafür zu verurteilen. Wissen, warum es gerade schwerer ist, macht es leichter, freundlich mit sich selbst zu bleiben, auch an Tagen, an denen man nicht die beste Version von sich zeigt.

    Und ein dritter Punkt, der oft übersehen wird: Der November wird gedanklich als ein einziger großer Block behandelt, statt als vier oder fünf einzelne Wochen. Genau diese Verdichtung macht ihn im Kopf größer und bedrohlicher, als er tatsächlich ist.

    Vorfreude lässt sich selbst bauen

    Die gute Nachricht an Kumars Forschung: Vorfreude muss nicht auf große Ereignisse warten. Sie funktioniert auch bei kleinen, selbst geplanten Dingen, solange sie konkret genug sind, dass sich das Gehirn tatsächlich darauf einstellen kann. Ein vager Gedanke wie „irgendwann mal wieder ins Kino“ erzeugt kaum Vorfreude. Ein fest geplanter Kinoabend am kommenden Freitag dagegen schon.

    Der Trick liegt also nicht darin, auf den nächsten großen Anlass zu warten, sondern sich selbst kleine, konkrete Ankerpunkte über den Monat zu verteilen. Genau das bricht auch den Tunnel-Gedanken von vorhin auf: Statt „der ganze Winter liegt noch vor mir“ wird daraus „diese Woche steht das an, nächste Woche das“. Kleiner, greifbarer, weniger erdrückend.

    Das hilft übrigens nicht nur einem selbst. Wer merkt, dass die eigene Geduld gerade dünner ist als sonst, kann das auch offen ansprechen, statt es einfach zu hoffen, dass es niemand bemerkt. Ein einfaches „ich bin gerade etwas dünnhäutiger als sonst, das hat nichts mit dir zu tun“ nimmt viel Druck aus Situationen, in denen sonst schnell jemand anderes die Reizbarkeit abbekommt, obwohl er nichts dafür kann.

    Am Ende geht es nicht darum, den November wegzuoptimieren oder krampfhaft gute Laune zu erzwingen. Es geht darum, ihm ein paar feste Punkte zu geben, auf die sich der Kopf freuen kann, damit aus einem grauen, undurchbrochenen Monat wieder einzelne Wochen werden, mit denen sich leichter umgehen lässt.

    Ein einfacher Vorfreude-Kalender für den November
    Woche 1
    Ein Buch besorgen, auf das du dich freust
    Woche 2
    Einen festen Abend mit einer Person verabreden
    Woche 3
    Ein kleines Rezept ausprobieren, auf das du Lust hast
    Woche 4
    Den ersten Advent bewusst vorbereiten

    Vier Wochen, vier kleine, feste Punkte. Nicht groß, aber konkret genug, dass sich echte Vorfreude einstellen kann.

    Falls dir zu den vier Beispielen noch mehr Ideen fehlen: Ein verabredeter Spaziergang mit einer bestimmten Person, ein neues Rezept, das du schon länger ausprobieren wolltest, eine Folge deiner Lieblingsserie, die du dir bewusst für einen bestimmten Abend aufhebst, ein längst überfälliger Anruf bei jemandem, den du gern hörst, oder ein kleiner Ausflug, und sei es nur ins nächste Café. Wichtig ist weniger, was es ist, sondern dass es konkret geplant ist, mit Tag und ungefährer Uhrzeit, nicht nur als vage Absicht im Kopf.

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    Warten kann selbst zur guten Gewohnheit werden

    Ein weiterer Aspekt aus der Forschung zu Vorfreude: bewusstes Warten, statt sofortige Befriedigung zu suchen, verlängert und verstärkt das Vergnügen sogar. Wer sich etwas für später aufhebt, statt es sofort zu haben, gewinnt dadurch tatsächlich mehr Freude, nicht weniger. Im November lässt sich das nutzen, indem man sich bewusst kleine Dinge für die kommenden Tage aufhebt, statt alles sofort zu konsumieren.

    Das mag im ersten Moment gegen den Alltagsinstinkt gehen, der eher zu sofortiger Befriedigung neigt, ein Snack, eine Serienfolge, ein spontaner Einkauf. Genau dieses sofortige Konsumieren gibt zwar auch einen kurzen Kick, hält aber deutlich kürzer an als das langsame, bewusste Vorfreuen auf etwas, das erst noch kommt.

    Wenn es mehr als das November-Loch ist

    Ein fehlender Ankerpunkt im Kalender erklärt viel, aber nicht alles. Wenn sich die gedrückte Stimmung über Wochen hält, wenn du dich stark zurückziehst oder der Alltag insgesamt spürbar leidet, kann mehr dahinterstecken als das übliche November-Tief. Ein Gespräch mit einer Ärztin oder einem Therapeuten ist dann sinnvoll, das ist keine Schwäche, sondern ein vernünftiger nächster Schritt. Falls es gerade akut wird: Die Telefonseelsorge erreichst du kostenlos und anonym unter 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222.

    Wenn dich das Thema Licht und innere Uhr genauer interessiert, findest du in „Dein Kopf im Herbst-Modus“ die biologische Seite davon. Und falls du gerade grundsätzlich über Neuanfänge nachdenkst, lohnt sich ein Blick in „Herbst statt Januar„.

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    Häufige Fragen

    Ist das November-Loch bei jedem gleich stark?

    Nein, das hängt unter anderem davon ab, wie sehr jemand auf feste Ankerpunkte im Kalender angewiesen ist. Manche Menschen merken kaum etwas, andere deutlich.

    Reichen wirklich so kleine Dinge wie ein Kinoabend als Vorfreude?

    Ja, laut Forschung zählt vor allem, dass etwas konkret geplant ist, nicht wie groß es ist. Kleine, feste Vorhaben wirken oft überraschend stark.

    Was, wenn mir gerade gar nichts einfällt, worauf ich mich freuen könnte?

    Dann hilft es oft, ganz klein anzufangen, ein Lieblingsessen, ein Telefonat mit einer bestimmten Person, ein einzelner freier Abend. Es muss nichts Besonderes sein, nur etwas Konkretes.

    Ist das November-Loch dasselbe wie die Herbstmüdigkeit aus dem anderen Artikel?

    Verwandt, aber nicht identisch. Herbstmüdigkeit hat vor allem mit Licht und Hormonen zu tun, das November-Loch zusätzlich mit fehlender Vorfreude im Kalender.

    Ich merke, dass ich in dieser Zeit ungerechter zu anderen bin. Was kann ich da tun?

    Es allein schon zu bemerken, ist der wichtigste Schritt. Ein kurzer, ehrlicher Hinweis an Menschen in deiner Nähe, dass du gerade dünnhäutiger bist als sonst, nimmt oft schon einen Teil der Reibung raus.

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