Eine Meinung

    Warum der Herbst der bessere Neustart-Monat ist als Januar

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    Die Weihnachtsdeko hängt noch in der Küche, da liegt schon die erste Rechnung im Briefkasten. Kfz-Versicherung. Dazu der Rundfunkbeitrag, der es merkwürdig zuverlässig genau jetzt fällig wird. Die Feiertage sind vorbei, der Kühlschrank ist leer, und draußen ist es um vier Uhr nachmittags schon dunkel. Und irgendwo mittendrin der gute Vorsatz, der spätestens am 15. Januar wieder einschläft.

    Trotzdem gilt der Januar als DER Monat für den Neuanfang.

    Ich halte davon wenig.

    Für mich ist der Januar der anstrengendste Monat im Jahr. Es wird früh dunkel und spät wieder hell, die Feiertage sind vorbei und mit ihnen die Energie, die sie kurz gebracht haben. Die Tage wirken lang und schwer, bevor sie überhaupt richtig angefangen haben. Und mittendrin soll ausgerechnet jetzt die beste Version von einem selbst starten, mit leerem Konto, leerem Akku und einem Kalender voller guter Absichten.

    Warum die Januar-Idee nicht wirklich trägt

    Die Idee vom Januar-Neustart kommt vermutlich eher aus dem Kalender als aus echtem Timing. Ein neues Blatt fühlt sich nach einem passenden Moment an, hat aber wenig damit zu tun, ob gerade tatsächlich Energie für Veränderung da ist.

    Genau die fehlt im Januar aber oft. Nach Feiertagen, Familienbesuchen und dem ganzen Trubel ist der Akku eher leer als voll. Ein Neustart, der auf leerem Akku beginnt, scheitert selten an Faulheit. Er scheitert, weil die Energie dafür schlicht nicht da war, egal wie gut der Plan auf dem Papier aussah.

    Für manche Menschen mag der Januar trotzdem funktionieren. Wer nach den Feiertagen regelrecht aufblüht, öfter durchatmet als im Trubel des Jahresendes, für den kann der Januar tatsächlich der richtige Moment sein. Nur ist das eben nicht die Mehrheit, auch wenn genau dieses Bild in jeder Werbekampagne zum Jahreswechsel verkauft wird.

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    Der Herbst ist der ehrlichere Neustart-Monat. Nicht weil er glamourös ist, sondern weil er zu dem passt, was gerade wirklich möglich ist.

    Im Herbst ist noch Energie vom Sommer da, aber der Alltag hat sich schon wieder gefunden. Kein Urlaubs-Chaos, keine Feiertags-Erschöpfung, kein leeres Konto direkt nach den größten Ausgaben des Jahres. Stattdessen ganz normale Wochen, in denen sich neue Routinen tatsächlich einüben lassen, ohne gegen den eigenen Zustand ankämpfen zu müssen.

    Dafür gibt es sogar eine psychologische Erklärung. Die meisten von uns sind durch den Schulstart im September jahrelang auf genau diesen Rhythmus geprägt: Ein neues Schuljahr, eine neue Klasse, ein neuer Anfang, all das passierte im Herbst, nicht im Januar. Diese Prägung bleibt, auch wenn die Schulzeit längst vorbei ist. Psychotherapeutin Nina Wetzlinger aus Linz bestätigt das: Veränderung gelingt vor allem dann, wenn genug innere Stabilität für sie da ist, nicht zwingend an einem bestimmten Kalenderdatum.

    Ein wichtiger Nachsatz dazu: Wer im Herbst selbst eher erschöpft oder bedrückt ist, für den ist gerade vielleicht nicht die Zeit für einen großen Neuanfang, sondern eher für Stabilität und, falls es anhält, ein Gespräch mit jemandem, der dabei unterstützen kann. Der Herbst als besserer Zeitpunkt gilt vor allem dann, wenn die Energie dafür grundsätzlich da ist.

    Es gibt noch einen Grund, der oft übersehen wird: Im Herbst bleibt Vorlauf, bevor das Jahr zu Ende geht. Eine Routine, die im Oktober beginnt, ist bis Weihnachten längst kein Vorsatz mehr, sondern einfach Alltag geworden. Eine Routine, die im Januar beginnt, muss sich dagegen sofort gegen den stressigsten Teil des Jahres behaupten, ohne diesen Vorlauf.

    Und dann ist da noch das Licht. Im Herbst ist es zwar auch schon früher dunkel, aber die Tage haben noch diese goldene, warme Qualität. Im tiefsten Januar fehlt selbst das. Ein neues System gegen einen komplett lichtlosen Monat zu starten, ist ungefähr so, als würde man versuchen, bei Sturm eine Kerze anzuzünden.

    Es kommt noch etwas dazu, das selten erwähnt wird: der Druck von außen. Im Januar wirbt gefühlt jeder gleichzeitig, Fitnessstudios, Ernährungspläne, Kurse, alle rufen im selben Moment „Jetzt ist deine Zeit!“. Das erzeugt zusätzlichen Druck, gerade wenn man selbst noch gar nicht so weit ist. Im Herbst ist davon nichts zu spüren. Man kann in aller Ruhe für sich anfangen, ohne dass gleichzeitig zwanzig andere Stimmen mitreden.

    Kurz zusammengefasst, was für den Herbst spricht und was gegen den Januar:

    Januar
    • Leerer Akku nach den Feiertagen
    • Rechnungen und Fixkosten häufen sich
    • Wenig Tageslicht, spät hell
    Herbst
    • Restenergie vom Sommer noch da
    • Ruhigere Wochen ohne große Sonderausgaben
    • Kürzere, aber noch goldene Tage

    Was das für deinen Alltag bedeutet

    Das heißt nicht, dass der Januar nichts taugt. Aber ein System, das im Herbst entsteht, wenn noch Kraft dafür da ist, hat bessere Chancen, den Januar überhaupt erst zu überstehen, statt selbst zum nächsten gescheiterten Vorsatz zu werden.

    Konkret heißt das nicht, im Oktober das ganze Leben umzukrempeln. Ein einziger Bereich reicht als Start völlig aus. Vielleicht ist das der Wochenplan, der schon lange nur noch im Kopf existiert. Vielleicht ist es eine kleine Journaling-Gewohnheit, die du dir eigentlich schon länger wünschst. Der Punkt ist nicht das große Projekt, sondern der richtige Zeitpunkt für den ersten kleinen Schritt.

    Stell dir zwei Versionen von dir selbst im Dezember vor. Die eine hat im Oktober angefangen, sich einen festen Wochenüberblick anzugewöhnen, kleine Anpassung für Anpassung, ganz ohne Druck. Bis Weihnachten läuft das einfach nebenbei mit. Die andere wartet bis Januar, startet dann mit vollem Elan mitten in der stressigsten Zeit des Jahres, und merkt nach zwei Wochen, dass die Energie dafür schlicht nicht reicht. Beide wollten dasselbe. Nur die eine hatte den passenderen Zeitpunkt gewählt.

    Wie genau das aussehen kann, für dein Zuhause und für deinen Kopf, zeige ich in den nächsten Wochen in zwei eigenen Artikeln. Der einfachste erste Schritt braucht aber gar keine große Vorbereitung. Nimm dir heute Abend fünf Minuten und schreib auf, was gerade am meisten Kopfraum einnimmt, im Haushalt oder im Kopf. Nicht lösen, nur aufschreiben. Mehr braucht der Anfang nicht.

    3 Gründe, warum der Herbst der bessere Neustart ist
    1.
    Noch Energie vom Sommer, statt leerem Akku nach den Feiertagen
    2.
    Monate an Vorlauf statt Start mitten im stressigsten Monat
    3.
    Seit dem Schulstart im Kopf ohnehin auf Neubeginn geprägt
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    Heißt das, ich soll keine Neujahrsvorsätze mehr machen?
    Nicht zwingend. Wenn der Januar für dich funktioniert, spricht nichts dagegen. Der Punkt ist nur, dass er für viele eben nicht der Moment mit der meisten Energie ist, auch wenn der Kalender das suggeriert.

    Was, wenn ich erst im Januar überhaupt Zeit dafür finde?
    Dann ist Januar dein Moment, und das ist völlig in Ordnung. Der Herbst ist eine Einladung, kein Muss. Wichtiger als der Kalender ist, dass du überhaupt anfängst.

    Warum nicht einfach beides machen?
    Kann man. Im Herbst die Grundlage legen, im Januar nachjustieren, statt komplett bei null anzufangen, ist oft sogar der entspannteste Weg.

    Das passt eigentlich genau zu dem, worum es hier grundsätzlich geht: nicht das große, perfekte System zum perfekten Zeitpunkt, sondern der ehrliche erste Schritt zum Zeitpunkt, der wirklich passt. Der Herbst ist für viele genau dieser Zeitpunkt, auch wenn ihn niemand so bewirbt wie den Januar.

    Der Januar wird ohnehin kommen, mit oder ohne Vorsatz. Die Frage ist nur, ob du ihn mit leeren Händen erreichst oder mit einem System, das schon ein paar Monate lang geübt hat.

    Jessi, wohlorganisiert.deSchreibt über Haushalt, Familienorganisation und die vielen unsichtbaren Aufgaben, die dazwischen liegen, für weniger Chaos im Alltag und mehr Ruhe für dich.

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